Kölner Rundschau, 22.05.2008
Seepferdchens Liebe

Immer wieder einzigartig: Otto Sander rezitiert Lyrik von Joachim Ringelnatz

Das war fast schon ein Hochamt, mit dem die Fangemeinde in der stimmungsvollen Kulturkirche Otto Sander und seinen Ringelnatz-Abend "Ich bin etwas schief ins Leben gebaut" feierte. Gerührt ließ sich der 66-jährige - schmal, verschnupft, das Rotweinglas in der Hand - von den Wogen der Sympathie davontragen.

Die kluge Textauswahl deckte so ziemlich das ganze Spektrum im Werk des 1883 als Hans Bötticher geborenen Sprachkünstlers Joachim Ringelnatz ab, der mit seinen skurrilen Versen im Kabarett Furore machte, bevor ihn die Nazis 1933 mit Auftrittsverbot belegten. Völlig mittellos starb er ein Jahr später.

Otto Sander lässt die Perlen des Humors mit einer unangestrengten Leichtigkeit über die Zunge gleiten, die immer das richtige Maß zwischen mimischer Verve und rezitatorischer Sorgfalt findet.

Dabei gehört die besondere Liebe des passionierten Hochseglers dem "seemännischen Teil" im Werk von Joachim Ringelnatz. Also dem Seemannsgarn von Kuttel Daddeldu, der im Weihnachtsrausch eine Hamburger Kneipe zerlegt. Doch auch für ein so zauberhaft poetisches Gedicht wie das von den beiden Seepferdchen und ihrer zerbrechlichen Liebe trifft Sander den richtigen Ton. Die Berlingedichte liegen dem Wahl- Hauptstädter ebenfalls am Herzen. Ringelnatz' bissig bis melancholisch getönte Großstadt-Impressionen zwischen Romantik und karikiertem preußischen Ordnungssinn. Die subversiven Verse seines "Geheimen Kinder-Spiel-Buchs" und die "Turngedichte", die schon Anfang der 20er Jahre völkischen Körperkult auf die Schippe nahmen, wurden von der Obrigkeit auch prompt verfemt.

Den zweiten Teil widmete Sander besinnlicheren Texten, in denen Ringelnatz schon den Todeshauch des Untergangs vorwegnahm, so wie im 1933 entstandenen Gedicht von der Nachtigall, die eingesperrt nicht mehr singen konnte. Begleitet wurde der wunderbare Abend von Gerd Bessler am Piano und auf einer alten schottischen Bratsche mit Schalltrichter, wovon es dem Vernehmen nach weltweit nur noch zwei Exemplare gibt. Einen Schauspieler, der Ringelnatz so liebevoll rezitiert, gibt es nur einmal.

Barbro Schuchardt

Otto Sander
Mits einer besonderen Präsenz begeisterte Otto Sander
die Zuhörer (Foto: Kleinen / Galerie Brotlos)

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