23.05.2007 - Rheinische Post
Dirk Bach im zakk
Opfern eine Stimme geben
von Claus Clemens

Ungewohnt nachdenklich und seriös präsentierte sich Dirk Bach im Zakk. Er las einen Abend lang aus dem Buch „Einsam war ich nie“ vor.

Als seriöser, stimmgewaltiger Künstler trat Dirk Bach im Zakk ans Mikrophon. Er las aus Auszüge aus einem Buch mit Porträts von elf homosexuellen Männern. Die bewegenden Berichte von ihrem Leben, Lieben und Leiden während der Nazi-Diktatur erweckte Bach zum Leben.

Bei seiner Lesung im Zakk war Dirk Bach nicht wiederzuerkennen. Zumindest nicht als Ulknudel des Privatfernsehens. Hier trat ein seriöser, stimmgewaltiger Künstler ans Mikrophon. Lakonisch, ja grußlos, begann der Abend über ein Buch mit den Porträts von elf homosexuellen Männern, die in bewegenden Berichten von ihrem Leben, Lieben und Leiden während der Nazi-Diktatur berichten. Aber auch von der fortdauernden Kriminalisierung und Diskriminierung nach 1945.

Dirk Bach las aus Lutz von Dijks „Einsam war ich - Schwule unter dem Hakenkreuz“. Vor zehn Jahren erstmals dokumentiert, wurden die Porträts der zwischen 1906 und 1925 geborenen Männer für den vorliegenden Band zusammen mit dem Soziologen und Sexualwissenschaftler Günter Grau aktualisiert. Bis heute nicht entschädigte Opfer der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft kommen zu Wort, damit ihre Geschichte nicht vergessen wird. Bach erweckte einige von ihnen zum Leben, indem er ihren Zitaten zwischen den Sachberichten jeweils eine eigene Stimme gab. Friedrich Paul von Grossheim etwa, dem 1906 geborenen Hamburger Bürgersohn, dessen Onkel den Kaiser noch persönlich kannte. Friedrich Paul galt in seinen Kreisen als „gute Partie“, hatte aber im Alter von 15 Jahren sein erstes homosexuelles Erlebnis.

In Anspielung auf den Strafparagraphen jener Zeit sagt er: Bis zur Ermordung des SA-Führers Röhm im Jahre 1934 kann er als normaler Zeitzeuge berichten, danach begann seine Qual. Er wurde mehrmals verhaftet und im Gefängnis geprügelt und erniedrigt. Nur mit Mühe schildert er, vor welche Wahl man ihn schließlich stellte: „Kastration oder erneut in den Knast.“ Als er nach dem Krieg Anzeige gegen seine ehemaligen Peiniger erstattete, blieb diese folgenlos.

Oder Karl Lange, 1915 ebenfalls in Hamburg geboren. Als Jugendlicher las er Marx und Lenin, dann die Bibel, wollte gar Priester werden. In den ersten Jahren nach der Machtergreifung arbeitete er als Page in einem Lokal, in dem viele Nazi-Größen verkehrten. Manche von ihnen wünschten auch sexuelle Kontakte. Anzeigen folgten, Verhaftungen und schließlich das Urteil „Sicherheitsverwahrung auf unbestimmte Zeit“. Für Grossheim, Lange und viele andere Homosexuelle war die Diskriminierung nach 1945 nicht zu Ende. Erst als mit der Strafrechtsreform auch der Paragraph 175 abgeschafft wurde, fühlten sie sich „befreit“.

Dirk Bach
Ungewohnt nachdenklich und
seriös präsentierte sich Dirk Bach
im Zakk. Er las einen Abend lang
aus dem Buch „Einsam war ich nie“
vor. Foto: RP, W. Gabriel

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