13.09.07 - Kölner Stadt-Anzeiger
Interview mit Nikolai Kinski
„Seine Ängste sind im Zentrum“

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Kinski, als Sohn eines derart berühmten Vaters aufzuwachsen ist Fluch und Segen zugleich. Wie gehen Sie mit diesen beiden Polen um? Anders ausgedrückt: Die „medialen Schattenseiten“ haben schließlich auch ihr Gutes im Hinblick auf eine Karriere als Schauspieler.

NIKOLAI KINSKI: Es ist fragwürdig, ob der Name die Karriere mehr fördert oder hindert. In Kalifornien, wo mein Vater nicht sehr bekannt ist, bin ich auch ohne berühmten Vater recht weit gekommen. Und ich bin bis heute, denkt man an „Klimt“ oder „Aeon Flux“, im internationalen Film viel mehr gefragt als im deutschen. In Deutschland erzeugt mein Hintergrund natürlich eine riesige Aufmerksamkeit, die aber leider zumeist in die falsche Richtung geht.

Die äußere Ähnlichkeit mit Ihrem Vater ist verblüffend - wie steht es mit der inneren? Leiden Sie ähnlich wie Ihr Vater unter sich und dem „Geschmeiß“ um ihn herum? Haben Sie einen ähnlich widersprüchlichen Charakter?

KINSKI: Ich glaube gar nicht, dass er sehr widersprüchlich war, im Gegenteil, für die meisten war er doch zu direkt. Und unter sich hat er auch garantiert viel weniger gelitten als an anderen. Das geben schon die Gedichte wieder - und als er die schrieb, war er außerhalb von Berlin noch völlig unbekannt. Aber zurück zur Frage: Ich vergleiche mich nicht mit ihm. Das tun schon genug andere. Ich respektiere seine Unvergleichlichkeit.

Klaus Kinskis „Fieber“-Texte erinnern nicht von ungefähr an Rimbauds „Trunkenes Schiff“ - was hat Sie an deren Interpretation gereizt? Sie geben schließlich zu, dass Ihre Generation die Sorgen und Nöte, die Ihr Vater artikuliert, nicht unbedingt nachvollziehen kann.

KINSKI: Das ist nur die erste Hälfte meiner Aussage, ich habe aber noch hinzugefügt, dass wir, auch wenn unser Korn nicht mehr von Windmühlen gemahlen wird, weiterhin „Don Quijote“ lesen sollten. Mich persönlich haben die Gedichte als Manifest eines Unverstandenen interessiert. Jeder Versuch, einen Platz in seinem eigenen Leben zu finden, scheitert an der Verachtung für die, von denen er geliebt werden will. Das zu interpretieren, hat mich natürlich sehr gereizt.

Sie schreiben im CD-Booklet von „den Menschen da draußen“ - das heißt, Sie glauben, sich selbst in einem Zentrum - also „drinnen“ - zu befinden. Wo verorten Sie sich also?

KINSKI: Das bezog sich auf die von Ihnen bereits angesprochenen „medialen Schattenseiten“ und richtete sich an alle, die nicht innerhalb der Medien daran wirken. Ich meine damit die Unversauten, die nicht wissen können, dass die Presse mich mitunter in Kontexte zieht, in die ich mich selbst nicht stellen würde.

Die Texte Ihres Vaters haben zweifelsohne einen egomanischen Impetus. Können Sie sich damit identifizieren?

KINSKI: Vor dem Hintergrund seiner Zeit und seiner Besessenheit kann ich ihn sehr gut verstehen. Die Gedichte sind unglaublich persönlich und haben immer ihn, seine Ängste, Nöte, Verzweiflung im Zentrum. Und da jeder hier ein Bild von Klaus Kinski hat, entsteht auch beim Zuhörer ein unglaublicher Reiz, einmal hinter den späteren Mythos zu schauen. Und wenn man die Legende mit ihren eigenen Anfängen vergleicht, dann wird man feststellen können, wie treu er sich letztendlich geblieben ist. Es geht also nicht um meine Egomanie, sondern um seine, die ich auf der Bühne glaubhaft vermitteln möchte.

Der Regisseur Werner Herzog sagt von Ihrem Vater, er sei das einzige Genie, dem er jemals begegnet ist. Was halten Sie von dieser Einschätzung?

KINSKI: Ich weiß nicht, wem Herzog sonst noch so begegnet ist. Bei ihm ist aber immer vor allem wichtig, dass er selbst glaubt, was er sagt.

Wofür würden Sie auf die Barrikaden gehen?

KINSKI: Für eine bessere Welt.

Das Gespräch führte Marianne Kolarik

Dirk Bach
Nikolai Kinski - im Februar 2005 in der Berliner
NRW-Landesvertretung neben einem Foto, auf
dem er während der Dreharbeiten zu dem Film
„Klimt“ zu sehen ist.

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