Rheinische Post 21.01.2008
Brillanter Stänkerer

Die „Spindel“ war ausverkauft, als der Satiriker Wiglaf Droste (46) auf der Bühne Platz nahm, um aus seinen Werken zu lesen.
Zweieinhalb Stunden nahm der Schriftsteller sein begeistertes Publikum unter literarisches Dauerfeuer.

Na, so was! Da musste der ehemalige „Titanic“- Redakteur Wiglaf Droste „sechsundvierzigeinhalb Jahre werden“, bevor es ihn erstmals nach Mönchengladbach verschlägt.

„Schuld“ daran ist ein Student der Hochschule Niederrhein.
Tobias Bischoff (27) realisierte mit der Verpflichtung des als „Tucholsky unserer Tage“ gepriesenen Satirikers und Sängers ein Outdoorprojekt im Bereich Kulturpädagogik.

Sicherheitsabstand gewahrt

Und so sitzt Droste nun vor 150 erwartungsgespannten Zuschauern im Spindel-Keller und erzählt.
Wobei er anerkennend die Westzipfellage der Stadt preist: „Sie waren klug und umsichtig, zwischen sich und Brandenburg einen gewissen Sicherheitsabstand zu bringen!“

Unverständlich? Nicht mehr, nachdem wir Drostes bitterböse Demaskierung des Ost-Bundeslandes und seiner Bewohner vernommen haben.
„Wie totgeprügelt liegt das Land herum“, befindet er und tritt nach: „Dem Brandenburger klebt Mist an den Gummistiefeln und Missmut an der Backe“.
Au Backe - doch da er nichts Entsprechendes gegen den Niederrheiner vorzubringen hat, findet Droste damit Zustimmung.
Gefährlich? I wo, das Publikum bestätigt damit Vorurteile, sondern zollt mit Lachsalven und Szenenapplaus dem brillanten Sprachakrobaten und Aphoristiker Respekt.

In diesem Metier zeigt es Wiglaf Droste der ganzen Riege einschlägig TV-präsenter Kabarettisten und Comedy- Schwadroneure.
Selbst ein Volker Pispers oder ein Dieter Nuhr verfügen nicht über Drostes schier unerschöpfliche Feinmotorik im Jonglieren mit Sätzen, Gedanken und Anschauungen. Dabei sticht der glänzend vortragende Zyniker auf alles und jeden ein, aber mit elegant geführtem Florett, dessen Pointen er so treffsicher den willig lauschenden Gemütern ins Oberstübchen piekst, dass es immer wieder verblüfft.

Aus dem Zusammenhang gerissen kann dies hier nicht dokumentiert werden. Denn dabei verlöre sich der unterschwellige Charme des nur nach außen biestigen Querdenkers.
Dass der dabei alle Grenzbefestigungen von Anstand und Geschmack niederwalzt, ist gewollt- und wird vom Publikum auch akzeptiert.
Attacken gegen Papst Benedikt, Günter Grass, Krimi-Papst Henning Mankel oder gegen Nordic Walker reihen sich zu einer literarischen Giftspur.
So muss der Dalai Lama sich als „Ganzjahres-Weihnachtsmann“ beschimpfen lassen. Am Schluss aber hauchte es versöhnlich vom Mikro: „Danke, Mönchengladbach“

Von Dirk Richerdt

Wiglaf Droste

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